Diametrale Wirklichkeitskonstruktionen

Noch nie ist es mir so bewusst geworden, in welch unterschiedlichen Überzeugungs-Welten wir Menschen existieren. In meiner Welt ist es völlig klar, dass die Pandemie keine ist, der PCR-Test keine Infektion nachweist und es für all das, was passiert, andere Gründe gibt, die wir nicht kennen … aber vermuten können.

Und es gibt so viele Menschen, die vom kompletten Gegenteil zutiefst überzeugt sind. Intelligente Menschen, studierte Menschen, Menschen, denen ich das selber-Denken-können wirklich unterstelle. Auslöser für diesen Artikel ist die überraschende Feststellung, dass Jutta Ditfurth zu letzteren gehört. Eine Sozialwissenschaftlerein, Politikerin, Aktivistin, die in den 80ern zu den Fundies der Grünen gehörte. Eine Frau, die ich für hochintelligent und kritisch einschätz(t)e.

In diesem Beitrag gehts mir nicht darum, was die Wahrheit ist, sondern darum, wie krass unterschiedlich man diese mit voller Überzeugung einschätzen kann.

Dass große Teile der Bevölkerung im Wesentlichen auch jetzt noch weiter ihrem Privatleben nachgehen, so tun wollen, als ginge das bald vorbei, abends die Tagesschau sehen und den Focus lesen und sich von denen ihr Weltbild formen lassen, habe ich lange schon realisiert. Es überrascht mich jetzt nicht, macht mich aber dennoch weiterhin sprachlos.

Dass aber so viele intelligente, gebildete Menschen die WElt so anders sehen als ich, bleibt ein großes Rätsel für mich. Sowohl ich als auch diese „Gegenseite“ sind jeweils überzeugt von ihrem Weltbild; unerschütterlich. Und beide sind der Überzeugung, den Zugang zur Wahrheit bzw. Unwahrheit zu haben. Es fällt mir deswegen auch unendlich schwer, diesen Beitrag aus einer neutralen Sicht zu schreiben. Ständig kommen diese Gedanken („wie können die nur? Natürlich bin ich richtig!“) und ziehen mich weg aus der Mitte. Krass.

Bin ich jetzt unglaublich befangen und umnebelt, warum auch immer, oder bin ich doch auf der richtigen Seite? Sind die Anderen befangen und umnebelt oder sind sie auf der richtigen Seite?

Ein echt intelligenter (ehemaliger) Freund hat mir im Frühjahr in einer SMS eine bedrohliche Rechnung bzgl. der Infiziertenzahlen präsentiert, indem er verschiedene Zahlen von Corona und Grippe ohne Sachverstand einfach miteinander in Beziehung gebracht hat. Ich war sprachlos und außer Stande zu antworten. Es war für mich, als wollte George Orwell (1984) mir beibringen: 2 + 2 = 5. Was antwortest du, wenn dir jemand sagt 2+2=5?

Und so rechnen wir alle uns gegenseitig 2+2=5 in Endlosschleifen vor. Ich auch. Und tatsächlich muss auch ich einräumen, dass, obwohl ich naturwissenschaftlich akademisch ausgebildet bin und mich 16 Jahre mit Zahlenreihen und deren Bedeutung beschäftigt habe, bzgl. Corona mit Zahlenreihen beschäftige, die ich nicht erzeugt habe und deren Wahrheitsghalt und Deutbarkeit ich am Ende nicht kenne. Ich würde mit Blick auf meine eigenen Erfahrungen sagen: Und niemand ist wirklich in der Lage, die Wahrheit zu finden, weil die Welt zu komplex ist, um alle relevanten Aspekte zu berücksichtigen. Wir bauen uns immer nur ein unzulässig simplifiziertes Abbild von etwas, das wir eigentlich nicht verstehen. Und damit versuchen wir dann andere zu überzeugen.

Tatsächlich denke ich, dass am Anfang nicht die Zahlen stehen. Am Anfang steht so etwas wie Grundüberzeugungen, wie die Welt beschaffen ist. Und dann erst kommen Zahlen ins Spiel. Dann erst nehmen wir die Zahlen und versuchen damit zu beweisen, an was wir eh schon glauben. Ich erinneren mich schamhaft an derartigen Aktionen in meinem früheren Ingenieurs-Leben.

Ich spüre auch jetzt noch, dass, sobald ich auf Zahlen treffe, die meine Überzeugung nicht stützen und vielleicht sogar das Gegenteil bezeugen wollen, etwas in mir versucht, diese Zahlen auszublenden, an die Seite zu schieben. Ich bin an der Stelle mittlerweile bewusst. Bei mir führt das idR dazu, dass ich die vorherige Beweiskette leicht schambesetzt aufgebe und mir andere Beweisketten suche. Auch nicht wirklich besser.

Wie kann man das auflösen? Wie kann ich das auflösen? Ich habe keine Ahnung.

Mein erster Gedanke: Keine Zahlen mehr! Keine Diskussion mehr über Zahlen.

Zweiter Gedanke: Nur noch der eigenen, empirischen Wahrnehmung vertrauen!

Dritter Gedanke: Nur noch mitteilen, was gerade in mir lebendig ist, ohne überzeugen zu wollen.

Vierter Gedanke: Und trotzdem lasse ich mir von Anderen, die in anderen Wirklichkeitskonstruktionen tanzen, nicht erzählen, wie ich mein Leben zu führen habe.