Ein politischer Kunstfehler

Ich werfe denen, die aktuell die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland leiten, massive handwerkliche Fehler in ihrer Rolle und Profession als demokratisch gewählte Kanzler und Minister vor.

Was hat mich zu dieser Bewertung gebracht? Hier mein Gedankengang:

Auf einmal sind wir ein Volk aus 83.000.000 Virologen, Epidemiologen, Psychologen, Soziologen, Politologen, Betriebswirtschaftlern und Rechtswissenschaftlern (so, wie wir zuvor 83.000.000 Klimaexperten waren).

Ich bin einer davon. Ich suche und führe immer wieder die Fach-Diskussion zu Corona. Ich überschütte diejenigen, die sich noch nicht so sehr mit konkreteren Informationen beschäftig haben, aber ein bisschen offen dafür sind, mit meinem ganzen geballten „Experten-Wissen“.

Sobald aber argumentativer Gegenwind kommt bricht mein Kartenhaus zusammen, ich knicke ein, werde aggressiv oder ziehe immer größere Karten aus dem Ärmel. Und das ist das erbärmlich Schauspiel, das ich nicht nur bei mir, sondern landauf landab erlebe und beobachte.

Mittlerweile bin ich an dem Punkt, an dem mein Kartenhaus zusammenbricht, bevor ich angefangen habe zu sprechen. Wenn ich nur jemandem zuhöre, der mir Argumente für oder wider liefert, steigt schon eine Resignation in mir auf und ich gestehe mir ein:

Ich habe keine Ahnung von dem ganzen Themenkomplex!

Und gleich danach kommt die Frage: Ja, wer hat denn eigentlich Ahnung? Sind das Frau Merkel, Herr Spahn, Herr Söder, Herr Drosten? Ist es das RKI, das Helmholz-Institut oder die WHO? Sind das die Chefredakteure und Journalisten in den Leitmedien oder die der alternativen Medien? Sind es die Influenzer bei Youtube? Oder sind das die anderen Experten, die sich immer wieder kritisch zu Wort melden?

Sie alle reden (wie ich), als wüssten sie, wovon sie sprechen, als würden sie diese hochkomplexe Materie durchdringen und könnten daraus vernünftige, wissensbasierte Entscheidungen ableiten.

Ich habe mich in meinem Leben viel mit dem Verstehen komplexer Systeme beschäftigt. Ich habe als Ingenieur 8 Jahre experimentell mit komplexen technischen Systemen gearbeitet und ich habe 8 Jahre Simulationsmodelle von komplexen technischen Systemen entwickelt. Das war schon undurchdringbar genug, aber das war nichts gegen komplexe soziale Systeme. Seit 13 Jahren berate ich Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen und eines ist mir insbesondere in herausfordernden Situationen klar geworden: Sie sind nicht mit Verstand und Logik verstehbar und lösbar.

Der handwerkliche Fehler der Politik:

Es wird einigen wenigen Fach-Experten vertraut, die nicht mal ansatzweise die gesamte notwendige Expertise aufweisen.

Es wird Institutionen gefolgt, die in Abhängigkeitsverhältnissen stehen. Das RKI ist eine Regierungsbehörde.

Es wird der WHO gefolgt, die zu großen Teilen abhängig ist von Sponsoren, die ihre Gelder zweckgebunden geben.

Das war auch schon vor Corona ein handwerklicher Fehler. Es ist ein Web-Fehler unserer Demokratie.

Ich habe es in meiner Arbeit immer wieder mit Situationen zu tun, in denen eine Organisation, ihre Manager, ihre Experten und ihre Mitarbeiter vor Entscheidungen stehen, die kein Einzelner von ihnen zieldienlich treffen kann, weil sie es mit einemr schwer durchdringbaren, mehrdeutigen, veränderlichen und komplexen Thema zu tun haben. Da geht es oft auch sehr emotional und konfliktär zu. Das sind Situationen, in denen Menschen wie ich gerufen werden.

Und das ist, was systemische Organisationsberater dann tun:

Wir bringen alle zusammen, die einen Betrag liefern können. Wir bringen sie dazu, ihre Ressentiments hinten anzustellen. Wir bringen sie dazu und unterstützen sie dabei, sich gegenseitig zu hören, ihre Perspektiven auszutauschen und so lange um Lösungen zu ringen, bis keine schwerwiegenden Einwände mehr vorliegen.

Das ist alles andere als leicht und fordert allen Beteiligten manchmal sehr viel ab. Aber wenn sie sich wirklich drauf eingelassen haben ist es quasi immer gelungen, gemeinsam tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Wir müssen unsere Demokratie um mindestens ein Instrument erweitern:

Wir brauchen eine eigene, unabhängige und nicht korrumpierbare Organisation aus Experten aller Fachgebiete mit Prinzipien und Prämissen wie diesen:

Die Delegation/ Berufung muss nach einem nicht manipulierbaren Verfahren verlaufen. Nicht abhängig von Fraktionen, Parteien, Verbänden, Institutionen oder Behörden.

Die Mitgliedschaft ist zeitlich begrenzt.

Die Abhängigkeiten und Aktivitäten aller Mitglieder werden vollständig offengelegt.

Alle Treffen sind transparent. Es gibt keine Sitzungen hinter verschlossen Türen, egel zu welchem Thema. In jeder Sitzung nehmen 2 ausgebildete Transparenzbeauftragte teil, die auch rotieren.

Alle Ergebnisse sind für jedermann zugänglich.

Die Organisation ist z.B. nach einem Soziokratischen Prinzip in Kreisen organisiert. Es gibt sowohl Fachkreise als auch interdisziplinäre Kreise. Die Arbeit von Fachkreisen wird von den interdiszipliären Kreisen gesteuert.

Es gibt zudem einen Organisationskreis, in dem die Entwicklung von Aufbau und Abläufen der Organisation nach einem Konsent-Prinzip mit allen stattfindet.

Arbeitsergebnis der Organisation sind Empfehlungen. Diese werden nur von interdisziplinären Kreisen getroffen.

Wenn Politiker von diesen Empfehlungen abweichen müssen sie das verstehbar und öffentlich begründen.

Wie so eine Organisation tatsächlich aufgebaut ist und welchen Prinzipien und Prämissen sie gehorcht müsste ebenfalls aus einem initialen interdisziplinären Expertenkreis entwickelt und vorgeschlagen werden. Der Ethikrat erfüllt diese Bedingungen sehr wahrscheinlich nicht.

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