Widerstand ist sinnlos … als Konzept

Bei vielen Veränderungen haben wir es mit Widerständen zu tun. Das ist für alle Beteiligten
frustrierend : Für die, die eine Veränderung umsetzen wollen, für die, die das Ziel gut finden und mitgehen wollen, für die, die in den Widerstand gehen und für die Organisationsberater, die aufgefordert sind, Widerstände weg zu moderieren. Ich habe inzwischen eine ganz andere Sicht auf das Thema und für mich fängt das Problem bereits mit dem Begriff an.

Einleitung

Unser rationaler Verstand kann sehr gut logische, linearkausale, wiederkehrende, komplizierte Zusammenhänge analysieren, verstehen und Veränderungen einbauen.

Bei heutigen Organisationen haben wir es mit Komplexität, Exponentialität und vielen unbekannten, schwer oder gar nicht messbaren Einflüssen zu tun (gerne beschrieben durch VUCA). Die klassischen, vielfach erfolgreichen Herangehensweisen unseres Verstandes können hier keine Erfolge verzeichnen. Aber selbst wenn uns das eigentlich klar ist, neigen wir in der Regel zu einer Übersimplifizierung der Zusammenhänge. Wir konstruieren uns auf der Basis unserer Beobachtungen und Deutungen und ortsüblicher Menschenbilder stimmig klingende Funktions-Modelle zum Ist- und dann zum Sollzustand der Organisation, die aber die komplexen Wirklichkeiten nicht geeignet beschreiben können. Seit rund 40 Jahren erleben wir eine Vielzahl von Modellen, die sich eins nach dem Anderen ablösen, weil keines davon seine Versprechungen halten kann. Die bei der Einführung solcher Modelle immer auftretenden Widerstände sind ein lebendiges Zeugnis genau davon.

Erklärungsversuche und Ansätze gegen Widerstände

Davon gibt es viele … sehr viele. Einen groben Überblick erhält man beim Bilder-googlen nach Widerstände gegen Veränderungen.

Was die meisten dieser Modelle gemeinsam haben ist, dass sie grundsätzlich unterstellen, dass das Ziel der Veränderung und der Weg dahin sinnvoll, hilfreich und zieldienlich ist.

Ich halte das inzwischen für total absurd. Lange Zeit habe ich mir allerdings nicht klar gemacht, dass ich das auch immer unterstellt habe und dass ich mit der Anwendung solcher Modelle die betroffenen Menschen in meiner Vorstellung zu simplen Objekten darin mache. Und noch heute fällt es mir schwer das nicht zu tun; und das, obwohl ich mittlerweile ein an Theorie Y angelehntes, positives Menschenbild vehement verteidige. Im Zusammenhang mit Widerständen gelten für mich die folgenden Sätze (zumindest als starke Arbeitshypothesen):

Alle Menschen wollen einen positiven Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten.

Allem was wir tun, liegt immer ein sinnvolles ‚für etwas‚ zugrunde, auch wenn dadurch an anderer Stelle ein ‚gegen etwas‚ erscheint.

Alle Menschen lieben Veränderung … zum Besseren. Und: Keiner will verändert werden, vor allem nicht zum Schlechteren.

Widerstände sind immer Ausdruck unerfüllter, positiver menschlicher Bedürfnisse. Und dazu zählt eben auch das Bedürfnis nach Unternehmenserfolg. Wenn ich sie missachte, missachte ich die betroffenen Menschen; und den Unternehmenserfolg.

Übrigens: Wann immer wir erleben, dass Menschen durch ihr Verhalten den Unternehmenserfolg angreifen und boshaft erscheinen, dann gilt für mich die Hypothese: Hier wurden bereits vielfach ungeeignete Veränderungen durchgeführt, die aus der Perspektive der im Wertstrom Arbeitenden immer und immer wieder zu einer Verschlechterung der Situation und der Wertschöpfungskette geführt haben. Neben Resignation und Kapitulation haben wir es dann bei manchen eben auch mit unbeugsamen Widerstand zu tun. Wenn man vertrauensvolle Gespräche mit solchen Menschen führt, drängt sich in der Regel genau dieser Eindruck auf.

Erwachen

Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, das mich wachgerüttelt hat und mich seitdem zwingt, tiefer zu schauen. Ein Workshop, den ich beinahe abgebrochen hätte, weil das Ziel des Leiters zu scheitern drohte, das eine Hälfte des Teams ihre Betriebs-Tätigkeiten runter fahren soll um die andere, überlastete Hälfte, die Planer für die neue Technologie zu unterstützen. Die Betriebler waren schon früh in meiner Schublade mit der Aufschrift: Widerstand aus Prinzip. Ein aufgeweckter Planer brachte sie schließlich dazu auf der grünen Wiese zu spinnen, was passieren müsste. Nach einer halben Stunde stand das Konzept, der Leiter sicherte zu, die Dinge zu besorgen und die Betroffenen bekamen glänzende Augen. Schlüssel-Aussage: „Also … wenn das wirklich klappt … das wäre ja … also dann könnten wir ja wirklich endlich bei der Planung mitmachen …“. Dieses Beispiel verursacht immer noch Gänsehaut bei mir, weil es aufzeigt, wie falsch ich gelegen habe … wie falsch ich wahrscheinlich so oft liege, wenn ich das Verhalten von Menschen entlang von fest eingeprägten Denkmodellen deute. Was die Betriebler nämlich auszeichnete war eine hohe Verantwortungsübernahme für unternehmensrelevante Einrichtungen. Sie waren um den Preis ihres Ansehens nicht bereit das aufzugeben.

Und jetzt?

Wann immer ich darüber nachdenke, welche Veränderungen für eine Organisation gut und sinnvoll wären und wie ich den Prozess berate und begleite, stelle ich mir zwei für mich als Berater unbequeme Fragen:

Wie wäre es wohl für mich, wenn ein Berater von meinen Chefs eingekauft würde und sich derartige Gedanken über meine Arbeit machte, um dann das Erdachte umzusetzen?

und

Was würde ich mir wünschen, wie die Veränderung aussehen und wie der Weg dahin sein soll?

Mir diese zwei Fragen aufrichtig zu beantworten und mir klar zu machen, dass jeder Einzelne in der Organisation ein Mensch wie ich ist, sein Arbeitsgebiet kennt und liebt, sich tagtäglich für den Erfolg seiner Arbeit einsetzt und unter Schmerzen bereits viele unsinnige Dinge tun muss, bringt in der Regel erhebliche Irritationen und Verunsicherungen in mein Denken und Handeln.

Die Frage nach Widerstand gegen Veränderung kann ich danach so nicht mehr stellen und klassisch beantworten. An eine Organisation, die noch nach klassischen Mustern funktioniert, mit Führungskräften, die, aus welchen Gründen auch immer über diesen Tellerrand noch nicht hinausblicken, habe ich meine Anschlussfähigkeit leider verloren.

Hoffnung macht mir, dass ich auf immer mehr Menschen in allen Ebenen treffe, die sich auf die Suche nach neuen, besseren Antworten gemacht haben und diese Suche wie ich als Forschungsaufgabe betrachten.

Danke, dass Du bis hier gelesen hast. Ich freue mich über Fragen, Hinweise und Widerstände :-). Vor allem bin ich dankbar für einen geeigneteren Begriff.

Rainer

1+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.